Wie immer…

Wie immer…

Nach der Einigung der künftigen Koalitionäre in Sachfragen, die an vielen Stellen freilich mehr zu einem Offenhalten von Themen statt zu konkreten Sachaussagen führte, und der letztendlichen Billigung der Koalitionsvereinbarung in der Mitgliederbefragung der SPD präsentieren die Parteien nun ihr Personaltableau. Was wir schon ahnten: Es bleibt doch eher alles, wie es schon immer war…

Gemeinsamer Nenner aller bisher bekannt gewordenen Personalvorschläge: Es geht wieder mal weniger um die Sache als vielmehr um die Parteiarithmetik. Ja, sogenannte Volksparteien bündeln viele unterschiedliche Meinungsströmungen, und sie alle wollen befriedigt werden, damit es nicht zum Knatsch kommt. Nur so ist es zu erklären, dass sich niemals wirklich profunde Kenner und Kennerinnen der jeweiligen Materie auf den entsprechenden Minister-Posten einfinden. Oder mag jemand behaupten, dass etwa ein Herr Dobrindt die fachlichen Anforderungen an einen Innenminister aufs Beste erfüllt (ach nein, der Grundsatz der Bestenauslese gilt ja nur für das Berufsbeamtentum)?! Das galt freilich schon für frühere Besetzungen dieses Postens, und nach meiner Erinnerung war Gerhart Baum von der FDP der letzte in dieser Reihe, dem man die Eignung fürs Amt nun wirklich nicht absprechen konnte. Ein seltener Glücksfall. Ein solcher hätte auch dem neuen Kabinett winken können, doch zog die SPD es – wie schon gesagt: offenkundig allein aus Gründen der Parteiarithmetik – nun vor, ihren Parteivorsitzenden höchstselbst in das Finanzministerium zu katapultieren, wo infolgedessen der (seit langer, langer Zeit endlich mal wieder) fachlich kompetente Interimsminister Kukies den Posten räumen muss. Mal sehen, welches Gnadenbrot ihm zugedacht werden wird. Ach ja – und was qualifiziert Herrn Klingbeil für dieses Amt außer dem Umstand, dass dem Parteivorsitzenden ein gewichtiges Ministerium zugedacht werden musste, wenn schon die wirklich wichtigen Ministerien allesamt dem Unionslager zugeschlagen wurden? Wer, bitte schön, hat da Federn lassen müssen?

Zeit wird’s…

Zeit wird’s…

Noch einen Tag, dann sind wir schlauer. Und können absehen, ob es tatsächlich zu der geplanten Koalition im Bundestag kommen wird. Morgen wollen die Verantwortlichen der SPD endlich bekanntgeben, was die Mitglieder ihrer Partei von den umfangreichen Abmachungen halten, mit denen die neue Wahlperiode zusammen mit den Unionsparteien bestritten werden soll.

Ob sich irgendeiner der Strategen aus dem SPD-Vorstand überhaupt Gedanken hingegeben hat, was passieren soll, wenn das – als bindend deklarierte – Mitgliedervotum „Nein!“ lautet? Dann hätte eine verschwindende Minderheit der wahlberechtigten Bevölkerung entschieden, dass erst einmal wieder Ungewissheit herrscht über das weitere Schicksal dieser Republik. Sicher, man könnte neue Formen der Regierung ausprobieren, die in anderen Ländern – etwa Schweden – seit langem zum politischen Alltag gehören. Ob die Bundesrepublik mit ihrer festgefahrenen Tradition der krassen parteipolitischen Konfrontationen reif wäre für solche anspruchsvollen, auf Sachorientierung und Kompromissfähigkeit angelegten Formen politischen Handelns, müsste sich erst noch erweisen. Neuwahlen jedenfalls brächten in keinem Fall das, was sich womöglich manche der SPD-Kleingeister mit ihrem Nein erhoffen. Aber auch unabhängig davon – ob die politische Übereinkunft als gut oder schlecht anzusehen ist, kann doch nicht ernsthaft von dem Inhalt der Koalitionsvereinbarungen in nur einem Politikfeld abhängig gemacht werden! So ticken aber nach allen Verlautbarungen ihrer jeweiligen Protagonisten viele Gruppierungen in der 16 %-Partei, die augenscheinlich noch nicht zur Kenntnis genommen haben, dass politisches Handeln unter den gegebenen Umständen nicht daran gemessen werden darf, ob sich die reine Lehre in jedem Punkt der Vereinbarungen wiederfindet. Und vor allem verkennen sie den nicht ganz unwesentlichen Umstand, dass man weit entfernt davon ist, die Mehrheit der Wahlbevölkerung zu repräsentieren. Den einen geht es dabei vorrangig um ein Deutschland als offenes Ziel aller Flüchtenden; die anderen verwechseln Sozialpolitik mit der Präsentation möglichst vieler materieller Geschenke und wiederum andere sehen den Inbegriff sozialdemokratischer Politik in wirtschaftspolitischem Dirigismus, und all dies ohne Einbettung in ein Gesamtkonzept, wie es mit dieser Gesellschaft weitergehen soll. Da war man in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts schon mal weiter mit dem Programm eines demokratischen Sozialismus, auch wenn dieses Programm trotz mehrfacher Regierungsbeteiligung der SPD immer noch seiner Verwirklichung harrt, und sei es auch nur in Ansätzen. Es ist nicht ganz unerklärlich, dass es bei der Bundestagswahl nicht mehr als 16 % wurden… wann wird das endlich begriffen?

Das Maß der Dinge

Das Maß der Dinge

Einen Vorgeschmack darauf, wie die innerparteiliche Debatte über die Koalitionsvereinbarung in der SPD geführt werden und mit welcher Qualität von Argumenten zu rechnen sein wird, vermittelte schon die heutige Zeitungslektüre. Über die Erörterungen in der parteiinternen Arbeitsgruppe Migration und Vielfalt und ihre öffentliche Stellungnahme wird berichtet, sie empfehle den Mitgliedern der Partei die Ablehnung der Vereinbarung. Zwar sei Schlimmstes verhindert worden; dennoch sei keine klare Linie in der Migrationspolitik zu erkennen, in der die SPD sich wiederfinden könne.

Es mag natürlich der genannten Arbeitsgruppe unbenommen bleiben, ihre Ansicht zum Ergebnis der Koalitionsverhandlungen kundzutun. Dass aber eine nicht optimale Umsetzung migrationspolitischer Wunschvorstellungen – wohlgemerkt: nur dieses erlauchten Kreises – gleich zu der Empfehlung führen muss, die Koalitionsvereinbarung in Bausch und Bogen abzulehnen, ist nicht unbedingt einzusehen. Auch hier zeigt sich, dass den politischen Debattanten der Blick für das Maß der Dinge verloren gegangen ist. Eigene (Klientel-)Vorstellungen werden derart verabsolutiert, dass allein der Grad ihrer Berücksichtigung über Wohl und Wehe des Gesamtpakets entscheiden soll, egal, was sonst noch in der Vereinbarung drinsteht. Eine Gesamtabwägung, die man ja wohl auch von einer fachlich begrenzt orientierten Arbeitsgruppe noch erwarten darf, vermisst man in der Stellungnahme ebenso wie die Berücksichtigung des Umstands, dass die Ziele der eigenen Partei deutlich über den Bereich der Migrationspolitik hinausgehen. Wer aus rein klientelbezogenen Erwägungen die Lunte an die Koalitionsvereinbarung legt, darf sich dann aber auch nicht wundern, wenn nach künftigen Wahlen auch die Genossen zur Gemeinschaft der schon aktuell wegen der Fünf-Prozent-Hürde Gestrauchelten hinzustoßen sollten.

Demokratie, zu Tode geritten…

Demokratie, zu Tode geritten…

Im Namen der dadurch vorgeblich besser zu verwirklichenden Demokratie haben sich Organisationen und Verfahrensabläufe in jüngerer Zeit drastisch verändert. Ein vergleichsweise „alter Hut“ sind insoweit insbesondere die Planungsverfahren, bei denen – mittlerweile auch nicht mehr nur beschränkt auf Großprojekte – gerade die immer mehr ausufernden Beteiligungserfordernisse dazu führen, dass wichtige (vor allem Infrastruktur-)Vorhaben nicht mehr im Lauf einer Generation verwirklicht werden können. Wenn heute zum Beispiel die Bahn einen Tunnel unter Frankfurt plant, werde ich nicht davon ausgehen können, da selbst einmal durchzufahren.

Aus neuerer Zeit stammen hingegen Erfindungen, die vor allem darauf angelegt sind, durch zusätzliche Beteiligungsschritte Verantwortung dahin zu verschieben, wo sie nicht hingehört, um die eigentlichen Verantwortungsträger von jeglicher Verantwortung zu befreien. Warum eigentlich soll es, um im Bundestag eine Koalition mit einer anderen Partei zur Bildung einer handlungsfähigen Regierung einzugehen, einer Billigung durch alle Mitglieder einer beteiligten Partei im Rahmen einer gesonderten Mitgliederbefragung bedürfen? Wozu wählen diese denn in langwierigen, regional auch noch gestuften Verfahren und in durchaus demokratischem Prozedere Verantwortungsträger in Gestalt von Vorständen, die auf diese Weise genuin demokratisch legitimiert sind, Entscheidungen zu treffen, mit denen diese Partei nach außen tritt? Unabhängig davon stößt dies auch aus grundlegenden normativen Überlegungen auf: Warum sollen die von niemandem demokratisch, sondern lediglich durch Zahlung eines Mitgliedsbeitrags dazu legitimierten Parteimitglieder entscheidenden Einfluss darauf nehmen können, wie die von der Wählerschaft im Rahmen der Bundestagswahl legitimierten Abgeordneten ihr Mandat wahrnehmen? Mehr Anmaßung geht nicht, und das nur, weil augenscheinlich die eigentlich Verantwortlichen die wirkliche Übernahme von Verantwortung scheuen. Kuschen wird offensichtlich als bequemer angesehen als die Last einer Entscheidung mit allen Konsequenzen zu tragen. Nicht nur der demokratische innerparteiliche Akt, der dieser Verantwortung Rechnung trägt – die Wahl und die mögliche Abwahl oder Nicht-Wieder-Wahl von Vorständen – wird so entwertet; solche überflüssigen Geplänkel tragen vielmehr auch zur Lähmung unserer Verfassungsorgane, vor allem des Bundestags, bei – zum Schaden aller.

Zeitenwende??

Zeitenwende??

Es ist an der Zeit, sich vom Begriff „Zeitenwende“ zu verabschieden. Aber, könnte der Einwand lauten, wir haben ihn doch erst vor kurzer Zeit überhaupt erfunden?! Mag sein, doch wenn wir die Phänomene der neueren Geschichte – sagen wir seit 2022 – als Zeitenwende charakterisieren, verschleiern wir mehr als wir erklären. Denn was suggeriert dieser Begriff denn anderes, als dass sich eben die Zeiten geändert hätten – und damit nimmt das Unheil seinen Lauf, denn dann kommt alles Übel von außen und wir sehen uns ihm ausgeliefert.

Doch das Unheil kommt eher von uns selbst, von innen, und hier bedarf es einer „Wende“, gleichsam einer Einsichtswende. Was da scheinbar von außen und scheinbar ganz plötzlich, ja vorgeblich kaum „erwartbar“ auf uns einprasselt und uns zu Reaktionen nötigt, zu denen wir uns jahrzehntelang nicht fähig wähnten, ist mitnichten spontan über die Welt kommendes Unheil. Sowohl die Entwicklungen in Russland als auch diejenigen, die sich jetzt in den USA überstürzt Bahn brechen, waren für jeden, der es wahrhaben wollte, absehbar – Putin hat sich niemals versteckt, und Trumps Agenda übersetzt nur die Theorie des neunhundertseitigen „Project 2025“ in die amerikanische Wirklichkeit, für deren radikalen Umbau es erdacht und niedergeschrieben wurde. Da steht minutiös drin, was heute tagtäglich jenseits des Atlantiks passiert; aber das kennt hierzulande ja kaum einer, weil man, genau wie bei den Umtrieben des Herrschers im Osten, den Kopf in den Sand steckte und dem Wahn verfiel, es werde schon alles nicht so schlimm werden und was geht uns das überhaupt an? Bloß nicht hinschauen und sich Gedanken über unangenehme Dinge machen; bloß kein Sand im Getriebe der Bequemlichkeit, das könnte womöglich die jährlich mehrfachen Urlaubszeiten trüben oder den Spaß am Bundesligafußball verderben. Und einen Grund dafür, jedes neue Jahr mit reichlich Böllerei zu begrüßen (haben wir ja schon immer so gemacht, das lassen wir uns doch nicht nehmen!), hätten wir dann ja womöglich auch nicht mehr. Nein, Wegschauen war schon immer dann die Devise, wenn das Hinschauen uns aus unserer Beschaulichkeit hätte reißen und uns zu Taten drängen können, deren Umsetzung unter anderem auch den Verzicht auf Liebgewordenes erfordert hätte. Dann doch lieber weiter mit der Illusion… Die dringend notwendige „Wende“ besteht also darin, endlich erwachsen zu werden, hinzuschauen – und die Realität ernstzunehmen!

Am besten abmelden…

Am besten abmelden…

Ohne soziale Medien scheint nichts mehr zu gehen – nachdem selbst die politische Öffentlichkeitsarbeit ins Reich der digitalen, schnellebigen Welt verlagert und Facebook, Instagram oder X (Twitter hieß das mal) genutzt werden, um umgehend aktuelle politische Erklärungen unters Volk zu bringen, scheint eine Nutzung dieser Medien – sprich: eine Mitgliedschaft durch Eröffnung eines Nutzer-Kontos – zwingend, will man nicht als hoffnungslos altbacken gelten.

Und doch: Es gibt gute Gründe, sich von dieser Digitalwelt gründlich zu verabschieden, selbst wenn man sich – wie ich – nur bei Facebook bewegt hat. Nicht nur, dass Mark Zuckerberg dem vor kurzem gewählten US-Präsidenten seinen Liebesdienst erwiesen und das Faktenchecken eingestellt hat. Kein Wunder, dass dort etwa nun Fotos gepostet werden, die angeblich Frankfurt, erkennbar jedoch eine ganz andere Stadt zeigen, von der man nicht weiß, ob es sie überhaupt gibt; oder Texte, über deren Wahrheitsgehalt nur spekuliert werden kann. Definitiv geringer geworden ist die Zahl persönlicher Botschaften oder „Posts“ von „Freunden“. Zugenommen hat hingegen seit der Bundestagswahl die Zahl von Bildveröffentlichungen, die die Größe der neuen Fraktion der AFD dokumentieren und verbal nur schwer verhüllen können, dass es bei dem – in der Regel männlichen – Verfasser beim Betrachten derselben gerade zu einer ejaculatio praecox gekommen sein muss. Aber wer zum Teufel ist dafür verantwortlich, dass mir inzwischen in ungefähr jedem zehnten „Post“ mit nachkolorierten Fotografien das beschauliche Geschehen im zweiten Weltkrieg veranschaulicht wird, das deutsche Soldaten natürlich nur beim Rauchen an der Gulaschkanone oder in der „Pause“ kennt, nicht aber beim sonstigen Tagesablauf, der ja womöglich noch die Auslöschung einer kompletten Dorfbevölkerung vorgesehen haben mag… Da wird Landserleben so verharmlost, ja subcutan verherrlicht (ja ja, das waren noch Zeiten und Männer!), dass einem übel wird. Und keiner kontrolliert, wer da was publiziert; und wozu das Ganze gut sein soll, kann man sich denken: Rechtsradikale Propaganda, unterschwellig und indirekt, ganz nach dem Motto: Irgendwie kommt das schon ins Bewusstsein… Für mich kann die Konsequenz nur sein: Diesem rechtsfreien Raum entziehe ich mich. Ich melde mich ab. Finito.

Mit Sicherheit!

Mit Sicherheit!

Dass wir in Deutschland Sicherheitsfanatiker sind, kann nicht nur nicht ernsthaft bezweifelt, sondern auch wie vieles andere mit dem Prädikat „Made in Germany“ versehen werden. Nicht erst seit dem Fastnachstdienstag mit dem umfassenden Sicherheitskonzept für Klaa Paris (siehe Kaleidoskop vom 4. März), mit dem potenzielle Anschlag-Verübende präventiv in die Schranken gewiesen werden sollten, können wir mit Fug und Recht sagen: Sicherheit wird in Deutschland groß geschrieben! Weitere Beispiele lassen sich unschwer finden: Ob es nun bei einer (erst vor kurzem sanierten) Straßenbrücke möglicherweise dazu kommen könnte, dass die tragende Stahlkonstruktion womöglich korrosionsbedingt rissig werden könnte (man sieht es schon an der Formulierung: eine akute Gefährdung konnte nicht festgestellt werden, wie auch das zuständige öffentliche Amt ausdrücklich versichert) – die Brücke ist gleichwohl bis auf Weiteres gesperrt worden – oder ob etwa in einem Fußballstadion in Bochum eine Rettungstür im Spielfeldzaun im Ernstfall möglicherweise nicht schnell genug geöffnet werden könnte, weil Fans dort ein Banner hingehängt haben – immer geht es um unser aller Leben und, wenn man es tiefer hängt, um eine Abwägung, bei der zuweilen das Maß aus den Augen verloren und eine Gefahrensituation unterstellt wird, die zwar Brachialmaßnahmen rechtfertigt, deren Realisierungschance jedoch nicht ganz zweifelsfrei erscheint.

Und nun vernimmt der interessierte Zeitgenosse, dass in der heutigen Debatte im Deutschen Bundestag einer Erweiterung des Sicherheitsbegriffs das Wort geredet wird. Zeitenwende auch in Bezug auf diesen Begriff, das ist mal was! Zur Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland soll jetzt auch die Infrastruktur in einem ganz umfassenden Sinn gehören, und das nicht nur, weil gegebenenfalls über die maroden Brücken auch Panzer rollen können müssen, ohne Gefahr zu laufen, abzustürzen… Wer weiß, vielleicht fallen dann bei der Inanspruchnahme des Sondervermögens auch ein paar Groschen für die offenkundig nötige Sanierung eines Fußballstadions ab?

Warum nicht ganz anders?

Warum nicht ganz anders?

Dass im Hinblick auf den Vorfall in Mannheim am Rosenmontag Schweigen im Blätterwald eingekehrt ist, muss freilich nicht zwangsläufig bedeuten, dass hier etwas verharmlost oder verschleiert werden soll (anders als bei der hysterischen Berichterstattung über Vorfälle mit Migrantenbeteiligung ; da soll zweifelsohne etwas aufgebauscht werden). Es gäbe ja noch eine dritte Möglichkeit, dieses Phänomen zu verstehen: Da man derartige Geschehnisse ohnehin nicht mit Sicherheit verhindern kann, da allerorten und zu allen Zeiten immer wieder schreckliche Dinge geschehen, könnte man sie gleichsam als alltägliche Vorgänge zur Kenntnis nehmen, darüber normal berichten – und Schluss.

Das hätte den Vorteil, die Dinge so zu nehmen, wie sie eben sind, ohne sie künstlich aufzuwerten oder hysterisch auszuschlachten. Und uns allen fehlt es heutzutage an Achtsamkeit; wir regen uns zu sehr und sehr gern auf – etwas mehr Ruhe wäre sicher Balsam für unsere Gesundheit. Allein: Die Medien scheinen zu glauben, den Anschluss zu verlieren, wenn sie sich nicht an die Digitalwelt anpassen und – wie eine Freundin formulierte – mit ihrem Erregungsjournalismus um Quoten und Zustimmung ringen. Als wenn journalistische Qualität von der Anzahl der „Likes“ im elektronischen Medium abhinge…

Mal so, mal anders

Mal so, mal anders

Es ist gerade ein paar Tage her, doch man liest und hört nichts mehr von dem Vorfall, der am Rosenmontag in Mannheim zwei Menschenleben kostete und immerhin kurzfristig einigen Wirbel verursachte. Ob es damit zusammenhängt, dass der Täter ein Deutscher mit vermutlich stramm rechter Gesinnung ist und außerdem „psychisch auffällig“ war? So was kann man dann als politische Partei ja nicht so schön publizistisch ausschlachten wie die vergleichbaren Vorfälle zuvor, ebenfalls in Mannheim oder Magdeburg oder… da waren wenigstens Ausländer schuld, und teilweise sogar ausreisepflichtige…

Kein Wunder, dass die AFD schweigt; doch die journalistischen Medien könnten die Hintergründe der Tat oder zumindest des Täters etwas genauer beleuchten, so wie sie das ja auch in den anderen Fällen taten. Oder soll hier was verschleiert werden?

Ja, was denn nun?

Ja, was denn nun?

Die Ereignisse überschlagen sich, und man reibt sich verwundert die Augen. Weltpolitische Entwicklungen haben dazu geführt, dass neuerdings auch führende Politiker (und natürlich auch die Politikerinnen) in Deutschland eine Flexibilität und einen Pragmatismus zeigen, der schon vor der Wahl zu wünschen gewesen wäre. Jedenfalls bei CDU, CSU und SPD hört man plötzlich überwiegend Sachtöne – die wahltaktischen Scharmützel, die die politische Bühne vor der Wahl prägten und nicht zuletzt die Wähler in Scharen zur AFD getrieben haben, die aber in jedem Fall den überfällig gewesenen grundlegenden politischen Entscheidungen im Weg standen, sind hoffentlich Vergangenheit.

Man weiß freilich noch nicht, ob die bisher erzielten Ergebnisse der „Sondierungen“ auch im (noch amtierenden alten) Bundestag die erforderliche Mehrheit finden werden. Der FDP kann es nicht übelgenommen werden, wenn sie – gleichsam die Erfinderin des Verfassungsmonsters Schuldenbremse – die Vorschläge zu deren Reform rundweg ablehnt. Schwieriger erscheint es hingegen, der Argumentation der Grünen auch nur einen Ansatz von Plausibilität entnehmen zu wollen. Natürlich hat Merz schlicht die Seite gewechselt und befürwortet nun etwas, was seinen früheren Verlautbarungen nach des Teufels war. Aber muss man sich jetzt in den Schmollwinkel zurückziehen und Fundamentalopposition betreiben, nur weil die vorgeschlagenen Maßnahmen (die vielem von dem entsprechen, was die alte Regierungskoalition noch auf den Weg bringen wollte) nicht auch noch ausdrücklich dem Klimaschutz dienen sollen (wobei selbstverständlich davon auszugehen sein wird, dass Maßnahmen für die Infrastruktur auch einem verbesserten Klimaschutz werden dienen können)?! Das erscheint doch arg vorgeschoben und soll verdecken, dass es hier nur um ein „Ätsch!“ wegen der vorangegangenen Scharmützel und eine politische Kehrtwende in die neue Oppositionsrolle nach der Wahl geht. Dabei werden die besonderen politischen Gegebenheiten nach dem Zusammentritt des neuen Bundestages, insbesondere die Sperrminorität gegen Verfassungsänderungen, schlicht ausgeblendet. Stattdessen müsste es vorrangiges Ziel aller Parteien links von der AFD sein, so schnell wie möglich einen gemeinsamen Nenner zu finden und sich um die drängendsten Probleme der Gegenwart wirksam zu kümmern, solange dies noch möglich ist. Geplänkel im Nachgang zu Kränkungen sind da ebenso fehl am Platz wie fundamentales Mauern.