Information oder Empörung?
Dass heutzutage weniger die seriöse Nachricht denn emotionstreibende Empörung im Vordergrund nicht nur der Berichterstattung in den Medien, sondern auch der politischen Debatten steht, wird aktuell in drastischer Weise deutlich am Beispiel der Informationen über das Schicksal der sogenannten Wallauer Spange, die an die Öffentlichkeit gelangen. Damit ist ein Investitionsvorhaben der Deutschen Bahn gemeint, durch dessen Verwirklichung die Landeshaupstadt Wiesbaden besser an die Schnellbahnstrecke Frankfurt – Köln angebunden werden soll. Alle sind sich einig, dass es sich hierbei um ein wichtiges Infrastrukturvorhaben handelt; es wurden dementsprechend bereits Planungen gestartet und alles wartete auf die anstehende Freigabe der nötigen finanziellen Mittel durch den Bund, bis vor kurzem – und damit fing das Informationsdebakel an – der frühere Landesminister Al-Wazir (Die Grünen) und Mitglieder der Bundestagsfraktion der Grünen eine parlamentarische Anfrage hierzu starteten und dabei die – so von ihnen der Öffentlichkeit berichteten – Auskunft erhielten, das Projekt sei aus der Finanzierungsliste gestrichen; Ende Gelände. Die Folge war Empörung, die nach kurzer Zeit sogar aus dem Büro des Wiesbadener Oberbürgermeisters (SPD) weithin zu vernehmen war. An der Tonlage änderte sich auch nichts, nachdem die Protagonisten ein Telefongespräch mit dem zuständigen Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium geführt hatten, worüber heute in der Presse berichtet wird – obwohl sich in diesem Gespräch die Sachlage ganz anders dargestellt haben muss: Die weitere Planung für das Projekt musste nur aufgeschoben werden, da das für die Planung und Genehmigung zuständige Eisenbahnbundesamt die Unvollständigkeit der von der DB InfraGo vorgelegten Planungsunterlagen feststellte und diese notwendigerweise zurückgeben und um Aktualisierung bzw. Vervollständigung bitten musste. Solange keine vollständigen Unterlagen vorliegen, kann nicht sinnvoll geplant und schon gar nicht genehmigt werden, und erst nach der Genehmigung steht die Frage nach der Finanzierung an. Der Staatssekretär soll auch mitgeteilt haben, dass sich an der Einschätzung des Bundes über die Notwendigkeit des Vorhabens überhaupt nichts geändert haben soll.
Muss der katastrophale Zustand der aktuellen Informations- und Debattenkultur in Deutschland noch weiter beschrieben werden? Parlamentarier, die eine Anfrage stellen, sind augenscheinlich nicht in der Lage, die Angaben des Ministeriums in der Antwort sachgerecht zu verstehen; sie bemühen sich auch nicht um Aufklärung etwaiger Unklarheiten oder Zweifel, sondern gehen sofort an die Öffentlichkeit – Empörung (wenn auch letztlich nicht begründete) verkauft sich halt immer gut. Empörung ist also wichtiger als sachliche Information? Der Oberbürgermeister mischt sich dann auch noch ein, augenscheinlich aber schon vor dem klärenden Gespräch mit dem Staatssekretär. Will er sich womöglich nicht den Vorwurf gefallen lassen, die Grünen nähmen ihm die Butter vom Brot? Eine Klärung der Sachlage wäre da hilfreich und vor allem vorrangig gewesen. Doch selbst die Presse berichtet offenkundig ohne eigene Recherchen über den Fall – und sogar der Berichterstattung der so seriösen FAZ können zunächst die wesentlichen Fakten nicht hinreichend verständlich entnommen werden, bis einige Tage später die Aufklärung dortselbst erfolgt. Unter diesen Umständen muss sich keiner wundern, wenn Diskussionen nicht mehr sachlich geführt werden können und niemand mehr irgendwas glaubt, außer an Verschwörungstheorien…