29.4.2020

29.4.2020

Der Post von vorgestern in der Nachbarschafts-App zieht weitere Kreise. Es wollten offenbar noch einige andere weibliche Nachbarinnen – ja, Männer äußerten sich nicht – zeigen, dass auch sie sich in Sachen Tierliebe – und nur darauf fokussierte sich das „Gespräch“ immer mehr – von niemandem etwas vorhalten lassen müssen. Und am Ende musste ich mich doch tatsächlich fragen lassen, ob ich etwa keine Tiere mag. So weit weg vom Anlass kann ein Gesprächsfaden führen, wenn Blabla und pure Meinung im Vordergrund stehen und keiner genau hinguckt, worum es sich eigentlich dreht.

Da wundere ich mich jetzt über nichts mehr. In Übersee nutzt ja bereits ein Präsident diese wohl zwangsläufige Unschärfe des digitalen Mediums weidlich aus, und nun erfahre ich direkt und unmittelbar aus eigener Betroffenheit, wozu es führen kann, wenn man mal aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Um Himmels willen, jetzt gebe ich ja schon wieder Anlass für spitzfindige, wenngleich oberflächliche Reaktionen… es ist immerhin möglich, dass ab jetzt zurückgeschossen wird, auch wenn ich mir in der App den Hinweis auf den Einsatz eines Luftgewehrs zur Taubenabwehr ja geflissentlich verkniffen habe.

28.4.2020

28.4.2020

Im Frühling, nach der Kirschblüte, tummeln sich permanent scharenweise fette, aber gepflegt aussehende Tauben mit ordentlichem Gefieder im Kirschbaum in meinem Garten, reißen die jungen Triebe massenhaft aus und kacken die Wiese oder auch meinen Gartenstuhl voll. Wenn ich Pech habe, sitze ich auch noch drin und werde zur Zielscheibe des Kots. Widerlich. Und es ist eindeutig: Es handelt sich um Exemplare der örtlich ansässigen Kleintierzüchter, die sich offenkundig nicht an die Vorschriften über die erlaubten Flugzeiten halten. Das ist ohnehin ein schlimmes Hobby, doch so wächst es sich aus zur Zumutung, rücksichtslos. Und die Zuchtobjekte landen ja sowieso im Topf.

Viel schlimmer ist aber noch der Sturm der Entrüstung, der mir entgegenschlägt, seit ich meinen Unmut öffentlich gemacht habe – in einer Nachbarschafts-App, in der Hinz, Kunz und nunmehr auch ich ihren Senf zu diesem und jenem geben. Das habe ich erstmals ausprobiert… Zugegeben, ich habe den Post etwas provokativ überschrieben, aber in der Sache richtete er sich eindeutig gegen die Verursacher des Übels, also die Züchter. Das wollten jedoch zwei Damen nicht wahrhaben, die sich offenkundig mit Haut und Haaren dem Tierschutz verschrieben haben und nun an mir kein gutes Haar lassen, da ich den armen Täublein Unrecht täte. Sogar die Metaphorik in Gestalt der Friedenstaube wird da bemüht, und so mutiert die scheinbar sachliche Äußerung unvermittelt zur moralisierenden Bewertung. Herr, schick Hirn vom Himmel, möchte ich da flehen – aber das ist ja gerade das Problem mit den sozialen Netzwerken: Jede(r) äußert sich zu irgendwas, was sie oder er aber weder richtig gelesen noch verstanden hat. Es geht letztlich nur darum, die eigene vorgefertigte Meinung zu publizieren oder auch gleich mal die moralische Keule zu werfen, mag es nun passen oder nicht.

27.4.2020

27.4.2020

Ja, das war eine lange Zeit des Innehaltens. Doch jetzt fließt es wieder aus der Tastatur. Anlass ist natürlich wieder ein doppelbödiges Erlebnis. Der Wertstoffhof Nord war heute ein weiteres Mal das Ziel – Grünschnitt vom üppig wuchernden Forsythien-Strauch war der Wiederverwertung zuzuführen, wie ein bürokratischer Mensch sagen würde. Auf ähnliche Gedanken brachten das vergangene Wochenende, die Corona-Quarantäne und das tolle Wetter unzählige Gleichgesinnte, sodass sich die Fahrzeugkolonnen auf der Straße vor der Entsorgungsstelle in beide Richtungen hunderte Meter weit aufstauten. Ein Wunder, dass die dort heimischen LKW – ja, es ist ein Gewerbegebiet! – sich überhaupt noch auf ihrem Weg zur Autobahn-Anschlussstelle durchquetschen konnten. Was die Frage provoziert: Hätte ein vorsorgender und vorausdenkender Planer das nicht besser gestalten können, mit einer großzügigen Abbiegespur, einer großzügig bemessenen Staufläche auf dem Entorgungsgelände anstatt vor diesem? Die Antwort: Wir befinden uns nicht in der modernen Welt, sondern in Frankfurt.

Zur Belohnung für die fast einstündige Geduld ging es dann auf Erkundung durch die Ortsmitte von Kalbach, wo – man staune – gleich zwei Bäckereien, ein Blumenladen und eine Metzgerei anzutreffen sind! Außerdem auch noch ein Hermes-Paketshop, verbunden mit einem italienischen Feinkost- und Obstgeschäft. Für eine der Backstuben wirbt ein großes Schild an der Umfahrungsstraße, traditionelle Holzofenbäckerei. Das Brot ist in der Tat ein knuspriger Genuss, die Brötchen sind normale Kost, ebenso die Kuchen. Aber warum immer kulinarische Delikatessen erwarten… es ist doch schon nachgerade eine Sensation, dass es in so einem Vorort überhaupt noch solche Betriebe gibt!

20.1.2020

20.1.2020

Spätestens der heutige Gang durch Sachsenhausen anläßlich eines Arztbesuchs hat gezeigt: Frankfurt als Ganzes ist doch nicht so unwirtlich. Im Vorgriff auf eine wegen einer der mittlerweile üblich gewordenen Betriebsstörungen zu erwartende Verzögerung im U-Bahn-Tunnel entfloh ich der Bahn schon am Willy Brandt-Platz und legte den Rest des Wegs bis zum Südbahnhof zu Fuß zurück, bei herrlichem Sonnenschein. Obwohl die Schweizer Straße sehr belebt war – kein Vergleich zu der Enge und Hektik, die die Leipziger Straße so unwirtlich macht!

Und spätestens abseits des Schweizer Platzes kehrten auf den Straßen, gesäumt von herrlichen Gründerzeithäusern, eine besinnliche Stimmung und die Ruhe ein, die ich in Bockenheim vermisse und auch nie finden werde. Die ganze Umgebung wirkt auch nicht so schrecklich verranzt, verwahrlost, verkommen wie die Straßen und Gassen im Westen der Stadt. Vorgärten, in denen Vögel zirpen; beschauliche Gemächlichkeit auf den Gehwegen. Und gleichwohl dicht erschlossen und „mittendrin“. Auch in dem zufällig entdeckten Café, in dem ich das Mittagessen einnahm, Ruhe und Gelassenheit, obwohl gut besetzt; stilvolle Möblierung und aufmerksam-zuverlässige Bedienung. Ich nähme den doppelt so weiten Weg zur Arbeit gern in Kauf…

10.1.2020

10.1.2020

Stellt sich nun die Frage, was das eigentlich heißt – unwirtlich… und was gleichsam als das Gegenteil angesehen werden kann… Unwirtlich ist es jedenfalls nicht, wenn menschlicher Kontakt zustandekommen kann, mögen die äußeren Umstände noch so armselig und unschön erscheinen.

Wirtlich, menschlich, kommunikativ in diesem Sinne sind also Orte, in denen menschliche Nähe möglich ist. Dazu gehört – dem treuen Leser nicht unbekannt – Baders Fisch Deli, weiland einfach Fisch-Bader, in der Leipziger Straße, wo Hinz und Kunz – vor allem letzterer – in traditioneller Weise dem katholisch angesagten Freitagsfisch huldigen und panierten Backfisch mit Remoulade und Salzkartoffeln verzehren können. Das tun tatsächlich vor allem die Angehörigen der Generation vor der meinen, die dort jedenfalls an Freitagen in Scharen ihr Mittagsmahl einnehmen. Da es inzwischen aber auch eine rege Vielfalt mediterran zubereiteter Spezialitäten gibt, zieht es mittlerweile auch mehr und mehr Jüngere dorthin und finde auch ich mich regelmäßig dort ein und habe dann Mühe, überhaupt einen Platz zu finden. Man setzt sich zueinander, und an guten Tagen hört man dem Nachbar auch gern zu, wie er sich über dies und das äußert, mahnt, erinnert, meckert oder einfach nur genießt. Und dann besteht ja Gelegenheit, auch den eigenen Senf dazuzugeben. Bei aller Ungemütlichkeit und Zugluft – der Laden ist auch immer rappelvoll – das ist doch ein Plätzchen zum Verschnaufen, Innehalten, Abstandnehmen – oder eben Schwätzen!

8.1.2020

8.1.2020

In Tagen der Trauer oder in der Erwartung trauerbringender Ereignisse wird es besonders deutlich: Frankfurt ist eine durch und durch unwirtliche Stadt. Trost findet hier niemand, nirgends. Balsam für die Seele? Fehlanzeige.

Ich kenne in dieser Stadt kein einziges Café, in dem man auch nur in aller Ruhe seinen Kaffee trinken könnte. Enge Bestuhlung, ungemütliches Mobiliar, ausschließlich der Ermöglichung von Umsatz gewidmet und dementsprechend karg gestaltet, und in der Regel bahnhofshallenartige Lautstärke verhindern jede Möglichkeit einer Besinnung, eines Innehaltens in angenehmer Atmosphäre. Schön, die Vielfalt des Kaffee- und teilweise auch des Kuchenangebots hat sich enorm gesteigert, wie nicht zuletzt diversen Beiträgen hier entnommen werden kann. Aber der Seele wird nirgends etwas geboten. Das gilt auch für die Stadt ganz allgemein und ihre öffentlichen Plätze und Einrichtungen. Umtriebigkeit, Hektik, Menschenfülle, Achtlosigkeit – sie prägen den Charakter dieser Stadt, nicht hingegen Ruhe und Einkehr. Beim Anblick der öffentlichen Straßen und Plätze – und auch angesichts ihres Zustands, der oft von Müll und Verwahrlosung, jedenfalls aber gestalterischer Lieblosigkeit und Einfalt gekennzeichnet ist – packt einen kaltes Grausen. Und die grünen Lungen der Parks trösten nur im Sommer. Balsam für die Seele nur auf den Friedhöfen? Wie makaber. Wie habe ich es nur so lange hier aushalten können?

3.1.2020

3.1.2020

Um den Jahreswechsel kommen auch immer die Gedanken an das, was einem so bevorstehen könnte im neuen Jahr. Und damit das nicht so ganz dem Zufall überlassen wird, neigt das menschliche Hirn dazu, möglichst unfassend die Gestaltung des Jahres in die Hand zu nehmen – und dazu gehört vor allem die Planung der Urlaube, mittels derer man sich in schöneren Gefilden Erholung sichern möchte.

Auch wenn ich eher spontan entscheide, wann und wohin ich mich zu diesem Zweck begebe, ist es doch mit den Jahren eine Gewohnheit geworden, gewisse Erholungszeiten möglichst rechtzeitig dingfest zu machen, natürlich nur, um nicht womöglich durch Kollegen eingeschränkt zu werden, die das schneller hinkriegen und deren Vertretung dann anstünde. So bin ich auch heute dabei, routiniert im Internet mögliche Reisevorhaben zu erkunden, in Betracht kommende Urlaubszeiträume zu ermitteln, Flüge zu recherchieren, nach günstigen Angeboten für Mietwagen Ausschau zu halten… und ertappe mich jäh bei dem Gedanken, dass ich mich doch gar nicht mehr dem Stress aussetzen wollte, den solche Reisen und die mit ihnen verbundenen Umstände mit sich bringen, vor allem aber, dass ich nicht mehr nur mit dem Finger auf die Vielflieger zeigen, sondern selbst die Konsequenz aus den Erkenntnissen über das der Erde drohende Schicksal ziehen wollte – wozu auch gehört, mich nicht mehr ohne weiteres in ein Flugzeug zu setzen! Wie schnell Gewohnheit und Routine doch solche Vorsätze in den Hintergrund drängen… Also – erst einmal innehalten und nachspüren: Wohin möchte ich, und muss das so weit weg sein?

2.1.2020

2.1.2020

Und wie in jedem Jahr – je nachdem, wie die Feiertage liegen – sind die Tage vor und nach Neujahr nur zum Genießen, es sei denn, man begibt sich in den Strudel des Konsums. Die Bahnen sind weitgehend leer, viele Menschen befinden sich in Urlaub oder haben zumindest frei. Auf den Straßen käme man gut mit dem Auto voran, nur das Radfahren wird durch das Wetter vermiest. Auch wie in jedem Jahr zeichnet sich die Wetterlage in Frankfurt um diese Zeit durch Feuchtigkeit und Dunkelheit aus.

Doch in den Cafés ist es rammelvoll. Wer – wie ich – dachte, man könne endlich mal in aller Ruhe das Crumble aufsuchen, ohne den dort mittlerweile üblich gewordenen Müttergeschwadern und ihren bläkenden Säuglingen ausgesetzt zu sein, erlebt eine herbe Enttäuschung, Bis auf den letzten Platz ist das Lokal gefüllt, nur fehlen die Kinderwagen nebst Inhalt; die konnte ich in Gegenwart der sie schiebenden Väter auf den Gehwegen ringsum sichten, bevor ich in den bahnhofsgleichen Lärm eintauchte, um dort nolens volens mein Mittagessen einzunehmen. Zumindest das unterscheidet also die Tage vom Normalfall – die Mütter können ihren Kaffee mal unter sich schlürfen…

1.1.2020

1.1.2020

Jedes Jahr das Gleiche. Am Neujahrsmorgen türmt sich der Müll, den die Böllerei hinterlassen hat, auf Straßen, Plätzen und vor allem den Gehwegen. Im Grunde eine Unverschämtheit; sonst wird ja peinlichst darauf geachtet, dass nur ein jeder den Dreck wegmacht, den er hinterlässt, und Hundebesitzer, die den Kackhaufen ihres Vierbeiners nicht schleunigst in den netten mitgebrachten Plastiksäckchen auf- und mitnehmen, sind regelmäßig – zu Recht – gravierendsten Anfeindungen ausgesetzt. Doch knallen kann jede Knalltüte, wie sie will, und muss den dabei entstehenden Unrat noch nicht einmal entsorgen.

Zum Ausdruck kommt darin die Mentalität, die diese Gesellschaft prägt und der augenscheinlich auch noch so erfolgreiche Fridays-Demonstrationen nicht im Ansatz Paroli bieten, geschweige denn den Garaus machen können. Den Dreck machen andere weg, die dafür ja bezahlt werden; und dass das Tage dauert – wen kümmert’s. Hauptsache, man kann einfach Spaßhaben und tun und lassen, was man will. Wie hier, so auf Autobahnen, beim Fliegen, auf der Grillwiese, bei allen möglichen anderen Anlässen. Das egozentrische Weltbild kennt keine Grenzen für die ungezügelte Entfaltung des Individuums (Freiheit ist immer die eigene, vorbehaltlos) und kein Maßhalten. Oh, schon wieder dieses Stichwort. Aber evangelische Prüderie meine ich damit nicht. Das Großhirn ist dazu da, dass es auch ab und zu einmal eingesetzt wird! Sonst unterscheiden wir uns nicht vom Tierreich.

27.12.2019

27.12.2019

Das Jahr nähert sich seinem Ende, die Zeit geht unaufhaltsam weiter. Vor einem Jahr begann ich mit dem Kaleidoskop, ich habe nicht immer den Grundsatz durchhalten können, jeden Tag meine Gedanken zu notieren. Aber es sind doch viele Beiträge zusammengekommen.

Vor Weihnachten herrschte in der Leipziger Straße ein Trubel, als stünden Monate geschlossener Läden bevor. Beim Metzger standen die Menschen ca. 10 m vor der Eingangstür Schlange auf dem Trottoir; gleiches ereignete sich sogar beim regionalen Gemüsehändler. Ähnliches war bei der Kaffeerösterei zu beobachten, nur dass dort keine Verkehrsgefährdung zu befürchten war, weil der Hof eine Pufferzone bildete. Und bei dm standen die Käufer an allen Kassen weit bis ins hintere Ladeninnere. Was treibt die Menschen an, am Tag vor Heiligabend so ihrer Konsumlust zu frönen? Ist Weihnachten nur noch was wert, wenn der Kühlschrank übervoll ist und beim Essen und Trinken dem Luxus gehuldigt werden kann? Auch ich kann mich erinnern, dass es immer etwas Außergewöhnliches zu essen gab an den Feiertagen; und doch scheint dies nichts gewesen zu sein im Vergleich zu dem, was heutzutage offenkundig allgemein aufgetischt wird. Ich halte nichts von Appellen, aber hier wäre einer angebracht. Maßhalten… auch wenn sich das der olle Erhard schon aufs Panier geschrieben hatte…!